"Lernen für Europa"

Europa-Curriculum für das Gymnasium am Ostring

„Europa fängt im Kopf an. Erst wenn wir europäisch denken, ist Europa wirklich da", heißt es in einer Werbeanzeige. Schule soll darauf vorbereiten. Wie kann das in der Schule realisiert werden?

 

Vorbemerkung

Alle Schulen behandeln selbstverständlich europäische Themen, dem Fremdsprachenunterricht kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Neben dem Erdkundeunterricht werden gerade die anderen gesellschaftswissenschaftlichen Felder mit dazu beitragen, dass Kenntnisse über andere europäische Staaten vermittelt werden. Der Kunst- und Musikunterricht erfasst zwar Werke europäischer Künstler und kann möglicherweise gleichartige künstlerische Ansätze in verschiedenen Ländern verdeutlichen, doch bleibt die Beschäftigung immer der Sache verpflichtet und das Interkulturelle der künstlerischen Prozesse wird im Unterricht nur schwer herauszuarbeiten sein. Es fällt nicht leicht, bei der gegenwärtigen fachdidaktischen Diskussion in den gesellschaftswissenschaftlichen, aber auch in den musisch-literarischen Fächern eine ganzheitliche europäische Vorgehensweise zu finden, ohne ein neues Fach „Europakunde" zu kreieren. Man kann sich mit dem Stückwerk begnügen, man kann aber auch mehr tun, wie das Gymnasium am Ostring in Bochum und andere Schulen in NRW und in anderen Bundesländern, die individuelle Ansätze gefunden haben, die „Dimension Europa" im Bildungsauftrag (siehe: Runderlass der Kultusminister „Europa im Unterricht" vom 16.01.91) zu verankern.

 

Konzept und didaktischer Begründungsansatz des Europa-Curriculums

Die ausschließliche Fixierung der Europa-Idee auf Fremdsprachenoptimierung erschien dem Kollegium des Gymnasiums am Ostring zu wenig, um den Europa-Erlass mit Leben zu füllen.

Es machte sich zum Ziel, nach angemessener Beschäftigung in der Sekundarstufe I in der Sekundarstufe II Schülern auf freiwilliger Basis die Möglichkeit zu bieten, durch Einrichtung einer fächerübergreifenden Kurssequenz mit eigenem methodisch-didaktischen Konzept der Herausforderung einer interkulturellen Verständigung in den zunehmend multikulturell geprägten Gesellschaften Europas zu begegnen.

Aus einem Konzeptpapier der Arbeitsgruppe „Lernen für Europa", das im Dezember 1992 den verantwortlichen Dezernenten der Schulaufsicht Arnsberg bei einer Dienstbesprechung in Soest vorgelegt wurde:„Ausgangspunkt für die Überlegungen des Gymnasiums ist die Situation in einem Europa, das sich hinsichtlich des Einigungsprozesses nicht mehr eurozentrisch begreifen, d.h. sein Selbstverständnis nicht aus dem ökonomischen und politischen Einigungsprozess EU - Europas allein beziehen darf, sondern sich in solchen Handlungen, Denkmustern, Einstellungen und Haltungen seiner Bürger wiederfinden können muss, die sich offen und verständigungsorientiert der multikulturellen Lage in Europa stellen. Sowohl die Öffnung nach Osten als auch das Erkennen von Verantwortlichkeit für weltweit eingetretene ökologische und soziale Problemlagen, sogar Katastrophen, machen es erforderlich, dass Unterricht sich in besonderer Weise darauf konzentriert, bei Schülerinnen und Schülern auf affektiver, sozialer und kognitiver Ebene Lernprozesse einzuleiten, die es ihnen ermöglichen, sich der komplexen Situation zu stellen, sie begreifen und einschätzen zu lernen sowie aus ihr heraus Handlungskonzepte zu gewinnen. Die weltweite Migration hat v.a. auch am Gymnasium am Ostring dazu geführt, dass die Schülerinnen und Schüler der Schule eine kulturell plurale Gesellschaft repräsentieren. Insofern ergeben sich Zielsetzungen, die sich in unterschiedlicher Gewichtung und fachspezifisch modifizierter Ausprägung in allen Kursen manifestieren.Beim Lernen sollen Fähigkeiten erworben werden, die das Zusammenleben einander fremder Kulturen ermöglichen, und zwar so, dass im Sinne einer sich pluralistisch begreifenden Demokratie das Aufheben von Selbstverständlichkeiten durch Fremdheitserfahrungen nicht als Katastrophe empfunden, sondern dass Fremdes akzeptiert wird, dass Erfahrungen mit anderen Kulturen als Bereicherung der eigenen Kultur verstanden werden. Die so erfolgende Erweiterung des Horizontes, vor dem Weltdeutungen entstehen, soll dazu beitragen, dass sich eurozentrische Handlungsorientierungen ändern und Kompetenzen neuer Art für die Bewältigung globaler Probleme erworben werden.

Wenn Nichtidentitäten in und zwischen den Kulturen nicht zu homogenen Einheiten (Nationalismus/Eurozentrismus) aufgelöst werden, wenn Ethnizität akzeptiert wird, findet die Grundlegung von Toleranz statt. Methodisch wird diese im Wechsel in die andere Perspektive gewonnen. Die Sicht des anderen auf die eigene Kultur einzunehmen, so wie sich diese z.B. in dessen Geschichtsschreibung niederschlägt, ist ein Mittel, um den nationalen bzw. eurozentrischen Standpunkt zu relativieren. Dies gelingt um so besser, je vielfältiger die Sprachkompetenz der Schüler entwickelt ist. Deshalb legt das Projekt Wert darauf, dass eine enge Anbindung an die Kurse, in denen moderne Fremdsprachen unterrichtet werden, stattfindet.

Interkulturelles Lernen ist kein Harmonisierungsunternehmen; im Umgang mit Kulturkonflikten geht es nicht darum, die Augen davor zu verschließen, dass diesen nicht selten soziale Spannungen zugrunde liegen, die z.B. im Kampf um knappe Ressourcen entstehen können. Deshalb müssen Begegnungen mit Menschen in ihrer alltäglichen Welt stattfinden, in der die sozialen Bedingungen, unter denen sie leben, konkret werden. In Kommunikationsprozessen, die eingeleitet werden, wenn sich Schülerinnen und Schüler in Auslandsaufenthalten mit ungewohnten lebensweltlichen Situationen konfrontiert sehen, sollen sie das vernünftige Bewältigen von Kulturkonflikten einüben. Damit kommt den Auslandsaufenthalten in der Gesamtkonzeption der Kurssequenz eine besondere Bedeutung zu.“

Hans Joachim Salmen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gymnasium am Ostring
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